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Gedanken zur Mundart von Franz Mothes

Was ist denn eigentlich Mundart?

I
n unserer heutigen, schnellen und turbulenten Welt wird trotz der ganzen Eile und Hetze immer öfter über den Begriff Mundart diskutiert und nachgedacht. Liegt der Hintergrund darin, dass vom waidlerischem "Schmaaz" eine gewisse Ruhe ausgeht, die man in der Umgangssprache unserer hochtechnisierten Umwelt nirgendwo mehr finden kann?
Strahlt nicht ein urbayerisches "eha" viel mehr Mitgefühl und Anteilnahme aus, als ein "bitte entschuldigen Sie vielmals, dass ich Ihnen auf den Fuß getreten bin!"

Welchen Aufwand betreiben andere Volksstämme, mit der Zahl Zwei! Da muss erst mühsam beschrieben werden, ob es sich um zwei Männer, zwei Frauen oder ein Paar handelt. Wir sagen da halt:
Do kemman zwai (zwee)!
Do kemman zwou (zwoo)!
Do kemman zwoa!
Geht doch nicht einfacher.

Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass Mundart sprechende Kinder in der Schule schlechter dastehen als jene, die Hochdeutsch sprechen. Arm sind nur solche dran, mit denen sich nie jemand richtig unterhalten hat, egal ob in Mundart oder Schriftdeutsch! Arm sind solche Kinder, deren Gesprächspartner das Fernsehgerät oder der Spielecomputer ist.
Wenn dann der Vater abends total niedergemoppt von der Arbeit heimkommt und vom Kinderprogramm zur Sportschau umschaltet, werden die Sprösslinge aufbegehren! Werden sie dann täglich mit einem "hoit dei' Fotz'n" zurechtgewiesen, gehen solche Ausdrücke augenblicklich in den Wort- und Sprachschatz über. Es wird da ein "halt die Klappe" nicht recht viel herüberretten! Wenn wir so mit unseren Kindern umgehen, hilft auch der in lupenreinster Mundart vorgetragene Fluch oder Kraftausdruck nichts, er erreicht vielmehr das Gegenteil. Jede Kindergärtnerin kann ein Lied darüber singen und sich vorstellen, wie es hinter manchen Türen wohl zugehen mag!

Es braucht sich dann niemand mehr zu wundern, wenn die freche Huber Vanessa dem letschert'n Meier Sven ein blaues Auge schlägt! Traurig wird es erst, wenn sie von ihrem Vater dafür dickes Lob einheimst und wenn er von seinem Vater angeleitet und trainiert wird, damit er ihr auch ein Veilchen verpassen kann!

Wäre es nicht schöner, wenn die Kinder wieder Josef oder Maria, Paul oder Anna heißen würden, und über alle giftigen Pflanzen und Schwamma Bescheid wüssten? Wenn sie wüssten, dass der Birkenröhrling auch Kajbajßerl heißt und dass man diese rajzn- oder zu einer Schwammabraj verarbeiten kann! Wenn sie wüssten, dass früher die Schwamma nicht ei'gfreaht , sondern ganz dünn aufgeschnitten auf einem "Gadara" in der Sonne getrocknet wurden. So hatten auch die Ärmeren im Winter etwas zu Essen! "Gnö'l und Schwamma, wei'ma sinst nix ham'ma!"

Wäre es nicht schöner wenn unsere Jungen wüßten, dass ihre Ahnen zur Fichte "Größling" und zur Tanne "Weißer" gesagt haben? Dass das Holz zum Bauen nur im Christmonat geschlagen und mit Schlitten zu Tal geschleift wurde!

Wäre es nicht schöner, wenn sie statt Discodancing auch eine Polka, einen Landler oder unsere schönen Zwiefachen tanzen könnten, selbst auf die Gefahr hin, dass dann wir "Alten" beim Feuerwehrball keinen Platz mehr auf der Tanzfläche hätten! Ich habe bei den Zwiefach-Seminaren, die ich gelegentlich für Jugendgruppen veranstalte festgestellt, dass bei den Jungen ein Zwiefacher umgehend "begriffen" und sofort mit Begeisterung getanzt wird!

Wäre es nicht schöner, wenn unser "Grüaß Gott" statt Hallo, unser "Gelts Gott" statt Danke und unser "Seg'nas Gott" statt Bitte auch über unsere Lippen kommen würde! Von wem sollten die Kleinen es sonst lernen?
Es muss nicht sein wie früher, dass man sich, wenn der Hochwürdige Herr Pfarrer mal vorbeigeht in den Staub wirft und ein "Gelobt sei Jesus Christus" stammelt, aber lassen wir den Herrgott doch im Dorf!

Ich möchte nicht bittgottisch wirken, aber ist uns denn nichts mehr heilig? War es nicht ein schöner Zug von unseren "Alten", wenn sie beim Vorbeigehen an einem Marterl oder beim Anläuten des neuen Tages, beim Mittags- oder Gebetläuten den Hut vom Kopf genommen haben?
Ist es nicht mit ungutem Gefühl zu beobachten, wenn in den Dörfern den Glocken im Turm das Maul verboten wird, damit die Feriengäste nicht in ihrer Erholungssuche gestört werden?
Vielleicht ist mancher Urlauber gerade deswegen zu uns in den Wald gekommen, weil es da noch so etwas geben könnte und er das bei uns Waidlern gesucht hätte!

Gehörte nicht gerade in die Gastronomie eine Portion Bodenständigkeit hinein? Auf Mallorca reden die doch auch nicht preußisch oder hessisch! Ich wünsche mir hierbei nicht unmöglich zu lesende Speisekarten, aber Surhaxn könnte man schon statt Eisbein und Fleischpflanzerl statt Frikadellen reinschreiben!

Ich wünsche mir auch keine kitschige Holzwagenradlromantik, denn jene Gäste, die Spaghetti wollen, die fliegen doch gleich nach Italien, weil es dort ohnehin samt Flug noch viel preiswerter ist als bei uns.
Und wenn jemand bei uns in einem Waidlerwirtshaus von der Kellnerin eine Auskunft will, muss er dann erst tschechisch lernen?
Es war doch eine schöne Zeit, als die Hirschenwirskellnerin in Viechtach, die Cilli zu einem Feriengast, der ein kleines Bier bestellte gesagt hat: "Nachat dürst' di' no'net g'scheit, wartst halt, bis'd a Grouß' magst!

Es muss nicht unbedingt grob mit Nichtwaidlern umgegangen werden, aber ein bisschen dürfen sie schon spüren, dass in unserm Blut noch ein paar Tropfen unserer Ahnen pulsieren, die damals dem wilden Urwald in unserem Gau ihr Fortkommen abgerungen haben. Dass zu guter Letzt unsere Wortkargheit von der harten Arbeit in Wald und Feld herkommt. Den Schnauferer haben unsere Urahnen zur Arbeit gebraucht, nicht zum saudumm daherreden!
Das hat dann am Sonntag sowieso der Pfarrer von seiner Kanzel herunter getan! Er hat den Leuten lautstark erklärt, dass sie der Teufel holt, wenn sie dies oder jenes Gebot missachten! Unsere Vorfahren sind aus Angst vor dem Teufel zur Kirche gegangen, nicht aus Liebe zu Gott!

Wenn wir nicht nur waidlerisch schmatz'n, sondern auch denken, essen, tanzen, singen und wie uns der Schnabel gewachsen ist zu unserem Herrgott waidlerisch beten, dann könnten wir ament (am Ende) noch ein kleines Etwas aus jenen Tagen, die wir selber so gerne die "gute, alte Zeit" nennen, in unser Heute herüberretten!
Ein Waidler braucht sich nicht zu schämen, weil er das Hochdeutsche nicht einwandfrei beherrscht
Ein kleines Waidlerkind braucht keine Angst vor dem Kindergarten oder der Schule zu haben, im Gegenteil! Es soll sich drauf freuen, dann wird es ihm auch den erwünschten Erfolg einbringen.

Wir sollten unseren Kleinen vorleben, dass es etwas besonderes ist, ein Waidler sein zu dürfen. Sie sollten lernen, stolz darauf sein, in einer der schönsten Regionen Europas aufwachsen und das ganze Leben dort verbringen zu dürfen!
Ich kenne eine gute Lehrerin (Karin Wellisch, Arrach) aus dem Lamer Winkel, die mir erzählt hat: "Am mehran, Franz, g'freit mi', wenn dö Kin'a vogess'n, dass in da Schui san und zu mir nacha Mama sog'n!"
Auch eine echt liebenswerte, waidlerische Kindergärtnerin aus Wilting, an der B 20 habe ich noch kennen dürfen, (Irene Wild, Trefling † 07.10.1998) zu der die Kinder als sie in Mutterschaftsurlaub ging, dann einfach nach Hause in die Wohnung kamen!

Auf so ein Ziel glaube ich sollten wir versuchen zusteuern und mit Mundart kommen wir wesentlich leichter darauf hin, als mit Schriftdeutsch. Bei einem hochdeutschem "Sie" verzieht sich doch ein echtes Waidlerg'sicht zu einer Fratze, bei einem "Du" dagegen formt sich der Mund wie zu einem Busserl!

Waidlerisch g'schmatzt, waidlerisch g'essn, waidlerisch g'sunga, waidlerisch 'tanzt, waidlerisch g'liabt wadlerisch g'lebt, waidlerisch g'storm und waidlerisch ei'grob'n!

So hat es auch der alte Trautmannsmüllner gehalten (Trautmannsmühle zwischen Arnbruck und Drachselsried), als er, umringt von Familie, Verwandten und Eh'halten (Gesinde, Roß-, Säge- und Mühlknechte und Dirnen) im Sterbebett gelegen ist und gefragt wurde, ob man ihm nicht doch noch den Pfarrer herbestellen sollte. Da hat sich der Müllner noch einmal aufgerichtet und hat zu den traurig dreinschauenden Umstehenden gemeint: "Dö Köchin waa mir fei' do scho' lajwa!" Kurz darauf ist er dann, selig in Gott, dem Herrn verschieden.

Franz Mothes, Prackenbach
framosch@t-online.de

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